Antibakterielle Nahtmaterialien sind chirurgische Fäden, die mit antimikrobiellen Substanzen beschichtet sind, um das Risiko postoperativer Infektionen (SSI – surgical site infections) zu reduzieren. Sie wirken in der Regel bakteriostatisch: Das bedeutet, dass sie die Ansiedlung von Keimen und die Bildung von Biofilmen auf der Nahtoberfläche hemmen. Besonders bei Risikopatienten oder Eingriffen mit hoher Infektionsgefahr können diese Fäden einen wertvollen Beitrag zur Wundheilung leisten.
1. Gängige klinisch verfügbare Produkte
Ethicon (Johnson & Johnson)
Ethicon gilt als Marktführer im Bereich antibakterieller Fäden. Standardmäßig kommt hier Triclosan als Beschichtung zum Einsatz:
- VICRYL® Plus (Polyglactin 910, geflochten, Triclosan)
- MONOCRYL® Plus (Poliglecapron 25, monofil, Triclosan)
- PDS® II Plus (Polydioxanon, monofil, Triclosan)
- STRATAFIX™ Plus (barbed PDS / MONOCRYL, Triclosan)
Diese Produkte sind weltweit klinisch etabliert und in vielen Leitlinien als evidenzbasierte Maßnahme zur Infektionsprophylaxe aufgeführt.
B. Braun
Mit Novosyn® CHD bietet B. Braun eine Alternative zu Triclosan-Fäden an. Hier kommt Chlorhexidin-Diacetat als Wirkstoff zum Einsatz, das ein breiteres Wirkspektrum besitzt und auch gegen MRSA effektiv ist.
Vitrex Medical
Das Produkt Chirasorb® Plus ist ebenfalls mit Chlorhexidin beschichtet und ähnelt in seinen Eigenschaften dem bekannten Vicryl Plus, stammt jedoch nicht von Ethicon.
Boz Tıbbi (Boztibbi)
Dieser Hersteller vertreibt gleich vier resorbierbare Fäden mit Chlorhexidin-Beschichtung:
- GLIKOSORB PLUS (PGA, geflochten)
- GLIKOLAK PLUS (PGLA, geflochten)
- MONOKAPROL PLUS (PGCL, monofilament)
- POLIDIOX PLUS (PDO, monofilament)
Alle zeichnen sich durch gute Knotbarkeit und geringe Kapillarwirkung aus und sind klar als Alternativen zum Marktstandard positioniert.
2. Forschungs- und Entwicklungsansätze
Neben den etablierten Triclosan- und Chlorhexidin-Fäden wird intensiv an neuen Technologien gearbeitet. Ein Schwerpunkt liegt auf Silberionen-beschichteten Nähten. Silber wirkt stark antibakteriell, allerdings gibt es Bedenken hinsichtlich möglicher zytotoxischer Effekte und negativer Einflüsse auf die Wundheilung. Deshalb sind diese Produkte bisher nicht breit klinisch verfügbar.
Auch Octenidin ist ein vielversprechender Kandidat. Experimentelle Studien zeigen, dass Octenidin-beschichtete Fäden eine anhaltende antibakterielle Wirkung über mehrere Tage hinweg entfalten können. Noch fehlt es jedoch an zugelassenen Produkten, die Forschung beschränkt sich bislang auf präklinische Daten.
Zusätzlich arbeiten Entwickler an innovativen Trägersystemen für Chlorhexidin oder Fettsäuren, um die Wirkstoffe gleichmäßig und längerfristig freizusetzen. Erste präklinische Ergebnisse sind vielversprechend: Sie zeigen eine hohe Wirksamkeit gegen typische SSI-Erreger und könnten künftig eine Erweiterung des klinischen Angebots darstellen.
Insgesamt zeigt sich: Der Markt bleibt in Bewegung. Während Ethicon mit Triclosan derzeit den Standard definiert, stehen Alternativen wie Chlorhexidin, Silber oder Octenidin bereits in den Startlöchern.
3. Klinischer Nutzen & Einsatzgebiete
Antibakterielle Nahtmaterialien sind besonders dort sinnvoll, wo das Infektionsrisiko hoch ist – zum Beispiel in der Bauchchirurgie, bei Notfalloperationen oder bei Patienten mit Adipositas, Diabetes oder Immunsuppression. Sie können die bakterielle Adhärenz an der Naht reduzieren und so das Risiko für SSIs deutlich senken.
Trotz der positiven Studienlage gibt es auch Limitationen: Bei Triclosan steht die Diskussion um mögliche Resistenzentwicklung im Raum, während bei Silberionen vor allem Sicherheits- und Zulassungsfragen im Vordergrund stehen.
4. Fazit
Antibakterielle Fäden sind heute ein evidenzbasiertes Werkzeug zur Infektionsprävention und haben ihren festen Platz in der modernen Chirurgie. Triclosan bleibt der etablierte Standard, doch Alternativen wie Chlorhexidin bieten bereits klinisch verfügbare Optionen. Silber- und Octenidin-Fäden befinden sich noch in der Entwicklung, zeigen aber großes Potenzial.
Für Kliniken bedeutet das: Antibakterielle Nahtmaterialien sind längst mehr als eine Nischenlösung – sie stellen eine wirksame Ergänzung zur chirurgischen Sorgfalt und ein zunehmend vielfältiges Instrument gegen postoperative Infektionen dar.